Auf eigentümliche Weise passt “Tristan und Isolde” in das neobarocke Innere der Prager Staatsoper. Die Inszenierung Marcelo Lombarderos versucht einen Spagat zwischen statischer Nichtinszenierung und atmosphärischer Bebilderung; das Ergebnis wirkt verstaubt und so, als wäre es schon seit Jahren auf dem Spielplan oder als hätte Appia bereits mit Videoprojektionen gearbeitet. Dieser verstaubte Charakter verstärkt aber die Intimität des Stückes auf interessante Weise. Dass “Tristan und Isolde” eigentlich ein Kammerstück ist, wird so greifbar, trotz des satt schwelgenden Orchesters. Es entsteht in dem nicht übermäßig großen Zuschauerraum der Staatoper mit seiner etwas übermäßigen Stuckatierung und Plüschigkeit ein Innenraum, der das Werk auf eine Intimität herunterbricht, die es vor der immer drohenden Überschwere bewahrt. Das ist im Endergebnis auch kein ganz großes Theater, aber sehr gutes kompaktes. Ich war jedenfalls selten unerschöpfter nach einer Wagner-Oper. Die obligatorischen Busladungen amerikanischer Schüler, reisender Holländer und blitzender Chinesen waren indes nach dem zweiten Akt geflüchtet.
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Während das Pendel in Deutschland am Sonntag zwischen der Lena-Hysterie vom Samstag und dem Köhler-Rücktritt am Montag einen Moment an seiner Ruheposition verharrte (sieht man einmal vom Hannoveraner Opernplatz ab), fiel ich aus der Zeit und konnte in Prag im Rahmen des “Prager Frühlings” Pierre Boulez und seinem Ensemble intercontemporain zusehen und -hören. Diese Art des Musizierens ist so unfassbar weit von der Bumsfidelität in Oslo und anderswo entfernt, dass man wirklich an die Frage gerät, wer hier eigentlich in welchem Paralleluniversum unterwegs ist. Delikatesse und Präzision sind in Boulez’ Dirigat so sicher gesetzt, dass man sich bei dem Minimum an Aufgeregtheit und Maximum an Expressivität an einen alten Kung Fu-Meister erinnert fühlt oder einen geduldigen Vogel auf Nahrungssuche. Ich bereue es jetzt umso mehr, vor sechs Jahren keine Gelegenheit gehabt zu haben, den “Parsifal” unter ihm zu sehen.
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Ein perfekter Versprecher, wenn man Loriot und Nietzsche in einen Topf wirft. So ist es mir heute ergangen, als ich einer Kollegin, die sich ein Hündchen angeschafft hat, das vermeintliche Bonmot Loriots mitteilte: “Ohne Mops ist das Leben ein Irrtum.”
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Wenn man morgens zur Arbeit geht und einem plump in der frischen Frühlingsluft herumstehende Hostessen neben einer grotesk verkleideten Gestalt Promomaterial für monster.cz in die Hand drücken wollen, wenn sich unter diesem Material ein kleines Pillenetui befindet und wenn dann später ein Kollege die Zusammensetzung dieser Pillen recherchiert und herausfindet, dass es sich dabei um ein Antidepressivum handelt, dann ist das ziemlich krank.
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Überall herrscht eine schwindelig machende Synchronizität. Ich schaue mir aus reiner Langeweile heraus eine kulinarische Kritik des McDonald’s-Hamburgers an und fünfzehn Minuten später läuft im Radio Wesley Willis’ “Rock and Roll McDonald’s”.
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“Allein auf einer Insel, ohne alleine zu sein. Ein Ausflug ins Grüne, nach draußen, wie nach langer Wanderschaft und doch ein absolut Unerwartetes. Was gibt es an diesen verwunschenen Orten nicht alles zu entdecken, als wären wir alle von der Willkür eines verrückten, alten Magiers hergezaubert worden, in ein fast babylonisches Biotop. Wir hängen ab in den hängenden Gärten und beobachten verständnislos durch unsere Ferngläser weiter draußen im Staub die Turmbauer.”
Je weiter wir in diesem Konvolut vorstießen, desto fundierter schien mir Ludovicos Urteil über N.s Verrücktheit zu sein.
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In die Unheimlichkeit eines unvertrauten Zwiegesprächs eintauchend, hinterlässt Strauß’ neues Buch ein Gefühl wie der Blick in einen alten, stumpfen Spiegel. Wenn man sich als Schatten in den Aufzeichnungen eines alten Mannes wiederfindet, ist man dann noch zu früh oder schon zu spät? Jedenfalls unzeitgemäß. Nie habe ich so lange gebraucht und so widerwillig zögernd ein Buch dieses Autors zu Ende gelesen.
Es ist also unmöglich, sich das eigene Bewußtsein zu vergegenwärtigen. Oder wie der Philosoph es faßt: weil des Menschen Vernunft ein Faktum ist, kann sie nicht auch Anschauung ihrer selbst sein. Mit nochmals anderen Worten: Das Subjekt, wo es am reinsten Subjekt ist, bleibt sich völlig unzugänglich. (Botho Strauß: Vom Aufenthalt. München: Hanser 2009, S. 239)
Es mag wie Hybris klingen, aber vielleicht habe ich mich damals selbst zu weit hinausgewagt und hätte den anderen nie wissen lassen dürfen, was ich in seiner Spur gelesen habe. Alles Quatsch, ‘seine’ Spur ist schließlich kein Privateigentum, sondern das Alleröffentlichste, gerade wenn sie sich im Winkel verbirgt. Dafür kann ja der Jäger nichts, wenn sich ihm das Wild auf seine Fährte setzt.
“Bei aller Vorliebe französischer Opernliebhaber für schwermütig Deutsches spricht das blitzgescheite Verständnis des ‘Rheingolds’ als ‘comédie tragique’ für einen ausgesprochenen Theatersinn. Sie wissen ja, dass Offenbach der Lieblingskomponist Wagners war”, ergänzte Oswald lächelnd und betrachtete danach versonnen die leichte Staubschicht, die der weiße Kies auf seinen blankpolierten Schuhspitzen verursacht hatte.
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