Lesen leben

Seitdem das Wörtchen ‘différance’ in der Welt ist, weiß man, was für Folgen das Vertauschen eines kleinen Buchstabens haben kann. Und jedem Leser wird es schon einmal passiert sein, dass er etwas anderes gelesen hatte, als das, was eigentlich dastand. Das kann dann für minutenlange Verwirrung, Unverständnis über mehrere Absätze hinweg oder auch täuschende Klarsicht sorgen. In Kerstin Grethers wunderbarer Anthologie “Zungenkuss” gibt es in der Einleitung einen Satz, der so, wie er dasteht, nur Kopfnicken ernten dürfte: “Der Unterschied zwischen Schreiben und Leben ist gar nicht so groß, man muß nur abgehoben und beseelt genug sein, ihn zu erkennen.” Ich aber las in diesem Satz zunächst ‘Schreiben und Lesen’, hielt inne und freute mich, dass es einmal jemand sagt. Als mir dann mein Lese- (Schreib-?) Fehler bewusst geworden war, fand ich den Satz und seine an Abgehobenheit und Beseeltheit geknüpfte Bedingung zwar immer noch sehr schön, aber er kam mir auch ein wenig weniger großartig vor.

Vielleicht liegt das wiederum genau daran, dass ich meinerseits ebenfalls so sehr davon überzeugt bin, Schreiben und Leben hingen zusammen. Denn dann wäre es ja umso spannender, das Lesen aus seinem Mauerblümchendasein der Passivität zu befreien und in der Kreis der Abgehobenen und Beseelten aufzunehmen. Eine Lanze zu brechen für die Verweigerinnen und Verweigerer dessen, was man so gemeinhin Leben nennt. Außerdem ist doch auch jedes Schreiben bloß ein Fortführen der Lektüre, wo man von der Schrift gestellt wird, bevor man sich etwa ‘Schriftsteller’ nennt. Und ist schließlich nicht jedes Lesen ein Beseelen und Beseeltwerden?

Dieser Beitrag wurde unter Lektüren veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort schreiben

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>