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Es ist keine ungewöhnliche Redeweise, zu sagen, dass die Toten zu uns sprechen. Man kann sich diesem Ausdruck, dieser Redewendung, die fast ein Sprichwort ist, auf verschiedene Weise nähern. Lässt man die beiderseits telefonischen Möglichkeiten der technologischen Reproduktion sowie der spiritistischen Anrufung vorläufig beiseite, wird diese Annäherung vermutlich meist auf dem metaphorischen Weg geschehen, etwa in dem Sinne, dass man damit die lebendige Erinnerung, das vollzogene Andenken an den oder die Gestorbenen bezeichnen will. Oder, in einem noch weiteren, weil noch weniger auf das Sprechen und die Sprache rekurrierenden metaphorischen Sinn, die eigentümliche Berührung, das Angerührtsein trotz der absoluten Abwesenheit des anderen. All diese hier angeführten Begriffe, ja im Grunde jedes verwendete Substantiv sind problematisch, gewiss, aber vorläufig müssen diese Klippen umschifft werden, in ihrer metaphorischen Ungewissheit stehengelassen werden, so wie die Programmatik des Problems, ein programmatisches Problem, das sich nicht lösen lässt, ohne das Ganze umzuschreiben. Nur hinweisen kann man an dieser Stelle beispielsweise auf die auffällige Vieldeutigkeit der Rede-Weise, die Art und Weise des Redens, das Anzeigen und Hinweisen durch die Rede (wie mit dem Zeigefinger, der auch ein Weisefinger ist), aber auch das Wissen und die Weisheit in der Rede und nicht zuletzt ihre musikalische Form, Rhythmik und Melodie. Oder auf die eigentümliche tote Metaphorik der Rede-Wendung, denn was für eine Bewegung ist die Wendung einer Rede, die Wendung in der Rede, mit und durch eine Rede? Erinnert das hier nicht auch an die Atemwende Celans? Man wird, wie gesagt, diese Klippen umschiffen müssen.
Die Toten sprechen also zu uns, was etwas anderes bedeutet, als zu sagen, dass sie mit uns sprechen. Die Richtung dieses Sprechens kennt keine Wendung, keine Änderung der Richtung, sie erlaubt keine Widerworte im Sinne eines Wortwechsels, sie macht auch, zumindest auf der Ebene, auf der einen dieses Sprechen erreicht, eine Antwort unmöglich. Denn auch, wenn man berechtigte Zweifel an der naiven Lesart des Ausdrucks, die Toten sprächen mit uns, hätte, kein Zweifel wird darüber bestehen: Tote hören und sehen nicht. Sie hören unsere Reden nicht mehr, sie lesen unsere Schriften nicht mehr. Auch wenn wir die Toten noch sehen und hören können, als aufgezeichnetes Bild und als Klangspur, wenn wir ihre Schriften noch lesen können, immer und immer wieder, damit die Verbindung nicht unterbrochen wird, der Gesprächsfaden nicht abreißt, ihre Taubheit und Blindheit sind absolut geworden.

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