Vortrag zum Beginn des Schuljahres 2018/19

Ich möchte an diesem ersten Schultag, der ja gewissermaßen noch außer der Reihe des Gewöhnlichen liegt, gleichsam der Normalität des Schulalltags vorgeschaltet ist, versuchen, ein paar Worte und Gedanken zu formulieren, die ihren Ausgang ihrerseits vom Zitat eines Dichters nehmen, das sich außerhalb von dessen gewöhnlichen, d. h. fertigen und abgeschlossenen Werken befindet. Der Dichter, von dem ich spreche, ist Friedrich Hölderlin (1770–1843) und das Zitat, auf das ich mich berufe, findet sich im sogenannten Homburger Folioheft. Das ist eine Sammlung etwa A4-großer Schreibblätter, die Hölderlin für die Arbeit an seinen Gedichten benutzt hat. Berühmt geworden sind diese Blätter übrigens auch deswegen, weil sie als Dokumentation einer beginnenden Psychose des Autors interpretiert worden sind, Hölderlin galt in seiner zweiten Lebenshälfte als wahnsinnig oder zumindest geistig unzurechnungsfähig. In dieser Sammlung also findet sich auf dem nachträglich als Seite 66 nummerierten Blatt am oberen Rand, während der Autor auf den umliegenden Seiten an einem Gedicht schreibt, eine Notiz, der Entwurf zu einem anderen Gedicht. Es sind nur fünf Zeilen, die dort am Rand notiert sind, aber die Art der Notiz zeigt, dass es sich um mehr handelt als um einen bloßen Gedankenblitz. Die Zeilen sind nämlich unterschiedlich eingerückt und verweisen so auf unvollständige Verse mit Leerstellen, die mutmaßlich einem daktylischen Versmaß entsprechend zu füllen wären (keine Sorge, das bleiben die einzigen Fachbegriffe aus dem Deutschunterricht in diesem Vortrag), es gibt auch eine Leerzeile. Gut möglich also, dass Hölderlin bereits eine klare inhaltliche Idee hatte, diese aber noch nicht in eine gebundene, dichterische Form bringen konnte. Schließlich hat er die Zeilen durchgestrichen, und zwar mit anscheinend derselben helleren Tinte, mit der er das auf dem übrigen Blatt verfasste Gedicht geschrieben hat. So bleiben die Zeilen rätselhaft und fragmentarisch und lauten in ihrer überlieferten Form:

Ein anderes freilich ists,
[Leerzeile]
Unterschiedenes ist
gut. Ein jeder
und es hat
Ein jeder das Seine. (Hölderlin, Friedrich: Homburger Folioheft. In: Sämtliche Werke und Briefe. Bd. 1. Hrsg. v. Michael Knaupp. München/Wien: Hanser 1992, S. 410.)

Auch wenn das Schriftbild es nicht unbedingt nahelegt, so sind die Zeilen 2 und 3 immer wieder als ein Satz gelesen und interpretiert worden: „Unterschiedenes ist / gut.“ Und daher soll dieser Satz auch der Ausgangspunkt meiner Überlegungen sein.

Was steckt alles drin in diesem kurzen Satz? Nun, eine ganze Menge gedanklicher Sprengstoff, wie ich zu zeigen hoffe, der uns heute trotz des zeitlichen Abstands von über 200 Jahren vielleicht mehr denn je angeht. Zunächst einmal scheint die Aussage als solche aber leichtverständlich zu sein: Das, was unterschieden ist, ist gut. Aber was heißt das? Gilt hier der Umkehrschluss, dass, wenn etwas nicht gut ist, also schlecht, es nicht unterschieden, also gleich ist? Aber warum ist das Gleiche schlecht? Und vor allem: Wovon soll etwas überhaupt unterschieden sein? Was heißt überhaupt ‚unterscheiden‘?

Um einer Klärung dieses Begriffs näherzukommen, lohnt sich vermutlich ein möglichst differenzierter Weg. Wir kennen und nutzen die aus dem lateinischen stammenden Lehnwörter Differenz und Diskriminierung in unserer Alltagssprache recht häufig und meinen damit jeweils ziemlich Unterschiedliches: Während ‚Differenz‘ einen letztlich neutralen und wertfreien Unterschied oder eine Abweichung von einer vorgegebenen Norm meint, so hat ‚Diskriminierung‘ nicht nur eine eindeutig wertende Funktion, sondern wird von uns als klar abwertend gegenüber Einzelnen oder Gruppen verstanden. Wer jemanden diskriminiert, der vollzieht zwar auch eine Unterscheidung dieses anderen von einer tatsächlichen oder behaupteten Norm, aber er tut dies, indem er Würde und Wert des Betroffenen, Diskriminierten verletzt. Und auch die Norm, von der ausgehend diskriminiert wird, bleibt in der Regel nicht wertfrei. Man denke etwa an die Rassendiskriminierung in den USA oder Südafrika, die ja nicht nur die weiße Bevölkerung zur Norm, sondern eben auch im Gegensatz zur diskriminierten schwarzen Bevölkerung zum kulturell und sozial höher stehenden Bevölkerungsteil erklärte. Soweit gebrauchen wir also die beiden Begriffe Differenz und Diskriminierung in ihren unterschiedlichen Bedeutungen recht sicher. Hätte Hölderlin also geschrieben: „Differenziertes ist gut.“, würden wir den Satz nicht grundsätzlich anders verstehen, stünde im Homburger Folioheft aber „Diskriminiertes ist gut“, hätten wir mit dem Dichter ein ernsthaftes Problem und würden möglicherweise schon selbst zu der nicht mehr wertfreien Frage gelangen, ob wir es hier mit einem Rassisten zu tun haben. Gott sei Dank natürlich nicht!

Geht man nun zum lateinischen Ursprung der beiden Begriffe, ergibt sich ein etwas anderes, differenzierteres Bild. Das lateinische Verb ‚differe‘, von dem sich die Differenz ableitet, bedeutet soviel wie auseinander tragen, ausbreiten, aufschieben, verschieben, verzögern, zerreißen und auch unterscheiden. Demgegenüber bedeutet ‚discriminare‘ trennen, absondern, scheiden, aber eben auch unterscheiden. Auf den ersten Blick könnte man also meinen, das sei doch ungefähr das Gleiche? Wenn man aber auf die Feinheiten der Sprache achtet, wird man feststellen, dass es einen Unterschied macht, ob ich beim Sprechen differe im Sinne von etwas ausbreiten oder verschieben gebrauche oder discriminare im Sinne von trennen oder absondern. Differenzieren ist ein Prozess, so wie Ausbreiten ein Vorgang und kein plötzliches Ereignis ist, wohingegen Diskriminierung ein Akt ist: eine Trennung findet jetzt statt, ohne zeitliche Übergänge.

Damit haben wir jetzt noch nicht geklärt, warum Unterschiedenes (meint das eigentlich dasselbe wie Unterschiede?) gut sein soll, aber wir haben die wichtige Beobachtung gemacht, das Unterscheiden als Differenzieren ein Vorgang ist, der Zeit braucht. Es ist schon aus diesem Grunde nicht einfach, zu differenzieren. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der Politik (Trump) und Börsenwerte (Tesla) von Twitterbotschaften bestimmt werden, gehören differenzierte Urteile vermutlich zu den immer schwerer zu bewältigenden Aufgaben, die sich dem Denken und Handeln heute stellen. Ich behaupte aber, dass sie aus genau diesem Grunde zu den notwendigsten Aufgaben gehören, wenn wir den großen Vereinfachern gegenüber wach und handlungsfähig bleiben wollen.

Dass diese Aufgabe real ist, erschließt sich jedem, der mit einiger Aufmerksamkeit die tägliche Nachrichtenlage zu überblicken versucht. Dabei sind zwei Strategien zu beobachten, mit denen offensichtlich versucht wird, öffentliche Meinungsbilder zu manipulieren oder überhaupt erst zu formen. Zum einen herrscht eine zunehmende Tendenz, sich politisch und gesellschaftlich auf die Nation zu beziehen, also auf eine Gemeinschaftsform, die als kollektive Identität verstanden wird: Hier sind wir Deutsche, Amerikaner, Türken, Franzosen usw., dort die anderen, die nicht wir sind. Zum anderen werden Konzepte, die über dieses Verständnis von Nation hinausgehen, z. b. die universelle Gültigkeit von Menschenrechten, zurückgedrängt. Zu was für Verstrickungen dies führt, sieht man nicht nur, wenn man über die Politik Trumps spöttelt, wobei der Spott hier zunehmend weniger angebracht scheint. In der Tat ist Trumps politisches Programm offensichtlich durchgängig von einem Unterscheiden in us and them geprägt und insofern kann man gewiss sagen, dass bei seinen politischen Entscheidungen alles, was nicht amerikanisch ist oder vermeintlichen amerikanischen Interessen zuwiderläuft, diskriminiert wird.

Aber man muss nicht nach Amerika schauen, um auf die Herausforderung und das Misslingen differenzierter Urteil zu schauen, vielleicht sogar, und das wäre auch eine Form von Diskriminierung, herabzuschauen. Daher möchte ich drei Beispiele, die uns näher liegen, in Form von Fragen nennen und zugleich drei Beispiele angeben, wie man differenziert auf das jeweilige Problem blicken kann. Fangen wir mit dem an, was man in diesem vierten Sommer seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 am Verhalten der neuen italienischen Regierung und ihres Innenministers Matteo Salvini beobachten kann. Der macht also ernst und blockiert die Einfahrt von Flüchtlingshelfern in italienische Häfen. Zusätzlich markiert er in den sozialen Medien den starken Mann. Es fällt also scheinbar nicht schwer, das Verhalten Salvinis als falsch zu verurteilen und niemand wird sich herablassen müssen, sich auf dessen Ebene des Rechtspopulismus zu begeben, wenn man sich folgende Frage stellt: Hat nicht auch die jahrelange Untätigkeit und Ignoranz des übrigen Europa angesichts der Tatsache, dass Italien bevorzugtes Ziel afrikanischer Flüchtlinge war, dazu beigetragen, dass die Prima gli Italiani (Italiener zuerst)-Logik Salvinis erfolgreich sein konnte? Der Philosoph Burkhard Liebsch hat in einem klugen Aufsatz über „Gastlichkeit“ die Breite des Problems und damit zugleich das nötige Maß an Differenzierung benannt, wenn er schreibt, dass jede politische Regelung der Gastlichkeit gegenüber Flüchtlingen einerseits an den Anspruch jedes Geflüchteten auf gastliche Aufnahme gebunden bleibt. Andererseits jede konkrete Forderung nach Aufnahme eines Geflüchteten sich mit der Frage nach den konkreten gesellschaftlichen Realisierungsmöglichkeiten der Aufnahme auseinandersetzen muss. (Vgl. Liebsch, Burkhard: Philosophie menschlicher Gastlichkeit und kollektive Gewalt. In: Kolleg Praktische Philosophie. Bd. 4. Recht auf Rechte. Hrsg. v. Franz Josef Wetz. Stuttgart: Reclam 2008, 245–279, hier S. 262.) Damit ist also ein Horizont des Unterscheidens und Abwägens benannt, der etwas anderes ist, als einfach zu sagen: „Refugees welcome“ oder die Häfen dichtzumachen.

Zweites Beispiel: Ein türkischstämmiger Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft lässt sich, zusammen mit einem Kollegen, mit dem türkischen Präsidenten ablichten, dessen autoritärer Führungssil besonders unter der in Deutschland lebenden wahlberechtigten türkischen Bevölkerung großen Zuspruch findet. Alle sind irgendwie empört, keiner der unmittelbar Beteiligten ist sich offensichtlich der Tragweite des Vorgangs bewusst. Nur die AfD hat eine klare Haltung: Mesut Özil soll aus der Nationalmannschaft rausgeschmissen werden. Wenige Wochen später scheidet das deutsche Team in Russland…, aber lassen wir das. Wiederum einige Wochen später erklärt Özil seinen Rücktritt aus dem Nationalteam auf Facebook und begründet das mit den rassistischen Vorwürfen und Angriffen, mit denen er konfrontiert ist. Jetzt fühlen sich alle in die falsche Ecke gedrängt und die BILD-Zeitung leistet zum ersten Mal in ihrer Geschichte so etwas wie eine Textanalyse des Facebookstatements. Welche Möglichkeit des Differenzierens hat man nun hier? Hierzu ein Kommentar des Journalisten Sascha Lobo:

“Die wichtigste Basis der liberalen Demokratie sind die Grund- und Menschenrechte, und aus dieser Perspektive ergibt sich eine Bewertung der Özil-Situation, die gerade nicht dem erzwungenen Entweder-Oder folgt. Man kann Özil kritisieren für seine bewusste, keinesfalls naive, sondern sehr eindeutige Wahlkampfhilfe samt hanebüchener Ausreden dazu – und sich gleichzeitig mit ihm solidarisieren, weil er rassistisch attackiert wurde und wird.”

Drittes und letztes Beispiel: Als unmittelbare Folge aus dem Özil-Skandal formiert sich auf Twitter eine Debatte unter dem #meTwo in enger Anlehnung an die amerikanische #meToo-Bewegung, die den Sexismus thematisiert, jetzt aber two geschrieben und Thema sind hier die persönlichen Rassismuserfahrungen in Deutschland. Muss man so etwas nicht automatisch gutfinden, vor allem, wenn man selber einen Migrationshintergrund hat wie der Redakteur der tageszeitung Jörg Wimalasena, der schreibt:

“Doch wenn die subjektive Wahrnehmung zum alleinigen Maßstab für tatsächliche oder nur gefühlte Diskriminierung wird, ist nicht nur jegliche sachliche Differenzierung, sondern letztlich der Diskurs selbst gescheitert. Worüber soll man noch reden, wenn das subjektive Erfahrene nicht mehr in Frage gestellt werden darf? Und was sind dann #meToo und #meTwo: Beiträge zu einer echten Debatte oder trotzig in die Welt hinausgeschrie(b)ene Abrechnungen mit jedem, der einem einmal unrecht tat?”

Die genannten drei Beispiele und die jeweiligen Stellungnahmen zu den Problemfällen können vielleicht zeigen, dass es fruchtbarer ist, sich um ein differenziertes Urteil zu bemühen, auch wenn das anstrengender, zeitraubender, unbequemer ist und mitunter, angesichts heute sehr oft verfestigter Meinungen, auch Mut braucht. Das heißt aber natürlich nicht, dass man nun seinerseits den drei Antworten auf die drei vorgestellten Fragen unhinterfragt zustimmen muss, schon gar nicht, weil ich hier, ausgestattet mit einer bestimmten Rolle und Autorität, im Rahmen einer Veranstaltung, die diese Rolle und Autorität nochmals unterstreicht, zu Ihnen und euch rede. Es kommt nicht selten vor, dass ich von Ihnen und euch die verunsicherte Feststellung höre, dass man ja nicht genau wisse, was ich jetzt eigentlich in meiner Rolle als Lehrer und in einer Unterrichtssituation, als Antwort hören möchte. Aber das ist ein großes Missverständnis – meistens jedenfalls –, denn es geht uns, Ihren und euren Lehrerinnen und Lehrern, vielmehr darum, Ihre und eure eigene Urteilskraft herauszufordern und zu fördern. Deswegen kann es eigentlich gar keinen langweiligen Unterricht geben.

Kompliziert dabei ist, dass man sich eben mit verschiedenen Positionen auseinandersetzen muss und dabei auch riskiert, dass die eigene Position nicht unverändert bleibt. Das ist sogar eine notwendige Folge des Prozesses. Und damit komme ich auch wieder zu unserem Dichter Hölderlin zurück, denn für diesen, wie für seine Studienfreunde, die beiden Philosophen Hegel und Schelling, war es ausgemacht, dass man selbst nur man selbst wird und werden kann, wenn man sich mit dem und den anderen auseinandersetzt. Durch das, was anders, unterschieden, von mir selbst ist, werde ich erst selbst-bewusst, kann ich mich selbst als Individualität er- und begreifen. Und darum heißt es bei Hölderlin: „Unterschiedenes ist gut.“

In diesem Sinne.

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