Das Heilige und das Profane

“Ehre, Redlichkeit, festes Wollen, Wahrhaftigkeit, Angehen wider drohende Wunden, Ertragen der geschlagnen, Offenheit, Selberachtung, Selbergleichheit, Verachtung der Meinung, Gerechtigkeit und Fortdringen – alles dies und ähnliche Worte bezeichnen doch nur die eine Hälfte der sittlichen Natur, die sittliche Stärke und Erhabenheit. Die zweite Hälfte umfasset alles, was sich auf fremdes Leben bezieht, das Reich der Liebe, Milde, Wohltätigkeit – man kann sie die sittliche Schönheit nennen.

Wenn sich jene nach innen oder dem eignen, diese nach außen oder dem fremden Ich zu kehren scheint, jene als ein abstoßender Pol, diese als ein anziehender, und wenn jene mehr eine Idee, diese ein Leben heilig hält: so bleibt doch beiden dieselbe Erhabenheit über das Ich, auf das sich nur die Begierde und die Sünde gegen jenes Zwillinggestirn des Herzens beziehen; denn die Ehre opfert so gut als die Liebe die Selbstsucht auf. Auch die Liebe sucht und schauet im fremden Ich nicht, was sie am eignen flieht, sondern sie schauet und ergreift daran die Darstellung des Göttlichen. Wir finden Gott zweimal, einmal in, einmal außer uns; in uns als Auge, außer uns als Licht. Indes ist es überall dasselbe ätherische Feuer, gleichgültig ob es positiv aus- oder negativ einspringe, und das eine setzt das andere voraus, und folglich ein Drittes, das beide erzeugt und verknüpft. Nennt es das Heilige. Im geistigen Reiche gibt es eigentlich kein Außen und kein Innen. An wahrer sittlicher Stärke hängt ohnehin die Liebe, wie immer am dickern Aste die süße Frucht; und die Schwäche zittert nur wie ein Vesuv, um zu verwüsten. Ebenso vermag reine Liebe nicht nur alles, sondern sie ist alles.” (Jean Paul: Levana oder Erziehlehre)

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