„Diese drei Inseln liegen wie feen- und sagenhafte in dem Schleiermeer der Vergangenheit, wie Urerinnerungen eines Volkes.“

Stifter, der hier spricht, erinnert sich an den Beginn seiner eigenen, frühkindlichen Erinnerung. Er setzt also den Horizont der Möglichkeit, sich selbst, d. h. sein Leben, zu verstehen. Seine Motivation, die er dem Leser, aber das ist er selbst, dabei mitteilt, ist die des aufrechten Autobiographen: Stifter schreibt „zunächst“ für sich selbst, aus einer „Verwunderung“ heraus über die „Erscheinungen“ seines Lebens, das doch „so einfach war, wie ein Halm wächst.“ Stifter nimmt diesen „Grund“ zugleich als „Entschuldigung“, sollte es neben ihm noch andere Leser geben. „Zunächst“ geht es darum, dass er selbst sich in die Lage versetzt, die „Erscheinungen“ seines Lebens zu lesen. Eine Selbstvergewisserung am Rande der räumlichen und geschichtlichen Selbstverortung, die, wie man bis hierhin gelesen hat und ab hier lesen wird, schwindelig machen kann.

Zunächst, noch bevor Stifter mit der eigentlichen Autobiographie beginnt und noch bevor er sein Vorhaben benennt, erfährt sein Leben eine räumliche Einordnung. Der Raum, den es ausfüllt und erfassen kann, macht einen Bruchteil aus zwischen der Kleinheit der Materie jenseits der Winzigkeit eines Sandkorns und der Größe des kosmischen Raumes: „Daß es ist, daß seine Teile zusammenhängen, daß sie getrennt werden können, daß sie wieder Körner sind, daß die Teilung fortgesetzt werden kann, und wie weit, wird uns hienieden immer ein Geheimnis bleiben.“ – „Dann geht, wie unsere Fernröhre zeigen, der körpererfüllte Raum fort und fort.“ Nach der Auslotung von Mikro- und Makrokosmos, die auf der mesokosmischen Ebene des Menschen nur in wenigen Erscheinungen sinnlich erfassbar sind, wendet sich Stifter aber dem eigentlichen Problem der Welt zu, dem Leben: „Wir stehen vor dem Abgrund dieses Rätsels in Staunen und Ohnmacht.“1

Auch ein Abgrund ist eine räumliche Markierung, aber indem Stifter von der Welt der Dinge übergeht zum Wunder des Lebens, wechselt seine Perspektive zugleich von der synchronen Betrachtung des Raumes zur diachronen der Zeit. Mit dem Leben gelangt der Aspekt der Entwicklung überhaupt und besonders der Aspekt der menschlichen Geschichte, als Gattungs- und als Individualwesen, in den Blick. Wiederum in einer weit ausholenden Klimax, wie oben räumlich vom Sandkorn zum Universum, schreitet Stifter von der Naturbetrachtung der Pflanzen zu den Tieren, dann zur menschlichen Gattungsgeschichte, den individuellen Lebensgeschichten einzelner Menschen um schließlich bei den Äußerungen des menschlichen Geistes, nämlich den Künsten und der reflektierenden Selbstwahrnehmung im Denken, zu enden. Das ist der Rahmen, in dem Stifters Leben, „einfach wie ein Halm“, erscheint, und nach den bereits genannten Kautelen kann der Abgrund des Lebens nun zugleich als zeitlicher und räumlicher gelesen werden.

Weit zurück in dem leeren Nichts ist etwas wie Wonne und Entzücken, das gewaltig fassend fast vernichtend in mein Wesen drang und dem nichts mehr in meinem künftigen Leben glich. Die Merkmale, die festgehalten wurden, sind: Es war Glanz, es war Gewühl, es war unten. Dies muß sehr früh gewesen sein; denn mir ist, als liege eine sehr weite Finsternis des Nichts um das Ding herum.“

Das Ding“, das die erste Erinnerung ausmacht, kann zunächst nur vergleichsweise mit euphorischen Emotionen charakterisiert werden, immerhin wird seine Heftigkeit aber als beinahe zerstörerisch empfunden. Der Ur-Erinnerung scheint eine Ur-Kraft innezuwohnen, die im späteren Leben nicht mehr erfahrbar sein wird und die in ihrer Singularität nur vom „Nichts“ umrahmt und gefasst werden kann. Dieses wird zweimal, zu Beginn und zum Ende des Abschnittes, angeführt, unklar bleibt jedoch, wie dessen Leere und Finsternis verstanden werden soll. Meint die Abwesenheit von etwas schlechthin Seiendem hier einen Zeitpunkt (noch bevor etwas geschieht) oder eine räumliche Unerfülltheit (noch bevor etwas geschieht)? Jedenfalls führt die Markierung des Beginns der eigenen Erinnerung zur metaphorischen Gestaltung eines Erinnerungsraumes, in dem Zeitpunkte, je weiter die Erinnerung zurückreicht, desto unverbundener auseinanderliegen. Stifter spiegelt so gleichsam seine vorherige Darstellung der Unermesslichkeit des kosmischen Raumes („wie unsere Fernröhre zeigen […]“).

War die Qualität des ersten Eindruckes, neben der Heftigkeit, ebenfalls optisch-räumlich: „Es war Glanz, es war Gewühl, es war unten“, so bildet die nächste Erinnerung einen akustischen Reiz, der im Gegensatz zum Beginn als „sanft und lindernd“ empfunden wird: „Es waren Klänge.“ Die dritte und letzte der Ur-Erinnerungen bringt das Element der Bewegung ins Spiel, die nun, im Gegensatz zu dem chaotischen „Gewühl“ der ersten, von Rhythmus und Ruhe gekennzeichnet ist: „Dann schwamm ich in etwas Fächelndem, ich schwamm hin und wieder, es wurde immer weicher und weicher in mir, dann wurde ich wie trunken, dann war nichts mehr.“

Bis jetzt blieben die Erinnerungen gleichsam nebelhaft, ohne dingliche Konkretisierung, wenngleich das Ding als abstrahierte Seinsverfassung bereits in dem ersten Erinnerungsschock ausdrücklich benannt wird. Jetzt aber können die erinnerten Empfindungen dinglich zugeordnet werden, sie gerinnen zu bestimmten Wahrnehmungen und verlieren damit ihren allgemeinen Charakter („wie Urerinnerungen eines Volkes“), fangen an, einen persönlichen Bezug zum Autobiographen zu bekommen: „Die folgenden Spitzen werden immer bestimmter, Klingen von Glocken, ein breiter Schein, eine rote Dämmerung.“

Zu einer ersten präzisen Erinnerung wird schließlich die Stimme der Mutter, die zusammen mit ihrem Blick sowie den das Kind Stifter tragenden Armen erinnert wird. Zweierlei ist hier bemerkenswert:

Zum einen kehrt das rhythmische Element der Ur-Erinnerungen wieder, indem Stimme, Augen und Arme der Mutter als Dinge bezeichnet werden, die sich beständig wiederholen. Die drei Aspekte der mütterlichen Fürsorge werden in ihrer Dinghaftigkeit benannt und in der jeweiligen Tätigkeit dargestellt, die in ihrer Wiederholung dem Angesprochenen, Angeschauten und Berührten klarmachen, dass er gemeint ist. Im Erinnerungsgang Stifters wird das dadurch verdeutlicht, dass nun erstmals der Erinnernde seine eigentliche Aktivität bezeichnen kann: „Ich erinnere mich…“.

Zum zweiten realisiert der Text die Wiederholung sogar selbst, indem nach einem Absatz, in welchem erneut zwar vielfältige, aber unbestimmte Erinnerungen auftauchen, die Erinnerung der Ansprache wiederholt wird, wobei die Empfindungsqualität entscheidend gesteigert wird, bis hin zur ersten bewussten Aktion: „Immer mehr fühlte ich die Augen, die mich anschauten, die Stimme die zu mir sprach, und die Arme, die alles milderten. Ich erinnere mich, dass ich das ‘Mam’ nannte.“ Erst jetzt, nach dieser Wiederholung, wird durch die Artikulation der Silbe Mam für den Leser auch eindeutig, dass Stimme, Augen und Arme der Mutter zuzuordnen sind. Die sich wiederholende Ansprache Stifters durch „diese Dinge“, also nicht nur durch die Stimme, lässt diesen selbst erst zur Sprache kommen, indem erstmals ein Name für etwas gefunden wird, das durch die ihm gemäße Seinsart (Mütterlichkeit) das eigene Sein des Angesprochenen zum Sprechen bringt.

Die Reise des Autobiographen zur Geburt seines Selbst ist damit aber noch nicht zu Ende. Stifters Formulierung seiner frühkindlichen Erinnerungen weist den Leser in ihrer Präzision auf einen weiteren Umstand hin, nämlich dass es sich bei ihr nur um die Wahrnehmung von Empfindungen, wie er sich selbst kommentierend ausdrückt: „Ich erinnere mich an Glanz und Farben, die in meinen Augen, an Töne, die in meinen Ohren und an Holdseligkeiten, die in meinem Wesen waren.“ Wahrgenommen werden also nicht die Dinge, auf die sich die Sinnlichkeit jeweils richtet, sondern die inneren, sinnlich hervorgerufenen Eindrücke. Noch bevor die Außenwelt in ihrer sinnlich erfassbaren Konkretheit erscheint und entsprechend nur Sinnesreize empfunden werden, richten die Dinge in Gestalt der mütterlichen Handlungen aber bereits ihre Ansprache an den sich Erinnernden. Stifter weist selbst darauf hin, dass es offensichtlich noch ein langer Prozess ist, bis die Eindrücke auf Erscheinungen der Außenwelt bezogen werden konnten. Strukturell wird aber deutlich genug, dass es ihm in der phänomenologischen Nachzeichnung einer Genese der Wahrnehmung um Selbstverortung geht. Wie Stifter die Welt der Dinge wahrnimmt ist nicht zu trennen von Stifter selbst. So schließt die Schilderung der ersten Außenwelterinnerung, deren traumatisches Erleben (Stifter hat eine Scheibe eingeschlagen und wird von der Großmutter geschimpft) deutlich betont wird, an den Beginn der Autobiographie an. Wurde dort die vermeintliche Einfachheit des eigenen Lebens mit einem Halm verglichen, so lautet der erste festgehaltene Satz der autobiographischen Erinnerung nun: „Mutter, da wächst ein Kornhalm.“ Der Mutter, als erster Pflegerin des eigenen Seins, kann nun geantwortet werden, das aber heißt, selbst das Sein der Dinge zu pflegen.

1 Interessant ist die strukturelle Ähnlichkeit von Stifters Ausführungen zu Jean Pauls Rede des toten Christus. Auch hier geht die Auslotung der mikro- und makroskopischen Ebene dem Blick in einen Abgrund voraus, freilich unter der gänzlich veränderten Perspektive des Atheismus: „Ich ging durch die Welten, ich stieg, in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist keine Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ‘Vater, wo bist du?’, aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemanden regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter.“ Jean Paul: Siebenkäs. In: Sämtliche Werke. Bd. I, 2. Hrsg. von Norbert Miller. München/Wien: Hanser 41987. S. 273.

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