Dietmar Dath: Dirac

Das Merkwürdige bei Daths Art zu schreiben, nicht nur in “Dirac” fällt mir das auf: streckenweise denke ich immer, das ist jetzt aber eigentlich ziemlich schlecht geschnitzt, geradezu banal und erschreckend einfach konstruiert, wobei es kein Argument ist, dass die Dinge eben so sind, denn es soll ja um Literatur gehen. Beispielsweise der Abschnitt ‘Erbteil’ im sechzehnten Kapitel und die darin zelebrierte Stupidität von Johannas Onkel Hagen und ihrer Tante Hiltrud. Die bis zur Karikatur gesteigerte klischeehafte Darstellung von deren wertkonservativem Bildungsbürgertum etwa. Oder der kleinbürgerliche Liberalismus, den der Onkel hochhält. Dient die Szene, die hier auf drei Seiten dazwischengeschoben wird, noch zu etwas anderem, als die Funktionalität von Hass und Abhängigkeit in verkorksten genreartig Familien zu beschreiben und sind diese Abhängigkeiten nicht eigentlich in ihren Ausprägungen subtiler, wenn die Gequälten wie Johanna Rauch doch auch immer wieder auf ihre Peiniger eingehen, sich immer wieder einstricken lassen, ohne dass es von vorneherein so klar wäre, wer die Ärsche sind? Bei Dath erinnert die Zeichnung hier ein wenig an eine Szene aus der Lindenstraße. Aber das sind wie gesagt nur drei Seiten, die mich rausgerissen und irritiert haben. Und Irritation muss wohl auch sein, wenn Literatur mit dem Anspruch auftritt, ein Leben zu befördern, das knallt (Dath in DEBUG 106).

Aber dann (und öfter) gibt es auch immer wieder diese verblüffenden Momente, in denen Dath absolut präzise eine Sprache findet, deren Imaginationskraft einem unter Umständen erst später spürbar wird, wenn man z. B. hier die Bilder vom Autor in New Mexico betrachtet. Denn genau dieses leicht verstrahlte Herumstehen des Autorsubjekts Dath/Dalek in der Wüste/Fremde hat der Roman in den Teilen, die die Exkursion nach Roswell beschreiben, transportiert. Die Fiktionalisierung geht Hand in Hand mit einem höchstmöglichen Gehalt an Wirklichkeit im Sinne von Erfahrungswirklichkeit, ohne dass man sich aber bemüßigt fühlen müsste, hinterher noch zwischen Literatur und Nicht-Literatur zu trennen. Genauso leicht und unverkrampft, wie die Fiktionalisierung der Figur(en) auf johannarauch.de verspielt weitergeführt wird, ebenso wie der Bezug auf die “Salzweißen Augen” in Dirac, können gewisse nüchterne Hinweise im Nachwort der natürlichen Person Dath notiert stehen. Science Fiction ist die bessere Wissenschaft, und ich wundere mich gar nicht mehr, dass die Fotos von Paul Dirac, von dem ich vorher nie eine Abbildung wahrgenommen hatte, aussehen wie eine unentschiedene Maskerade zwischen Dath ohne Vollbart und Johnny Depp als Ed Wood. Passt doch.

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