“Hart zwischen Nichts und Nichts”

Zum ersten Mal seit Bayreuth sah ich wieder den “Parsifal” im Prager Nationaltheater. Wie ich erwartet hatte, gab es einen Bezug der Inszenierung zur Katastrophe in Japan. Das Zentrum des Bühnenbildes bildet ein Zen-Garten, in dem ein stummer Diener während des Vorspiels und der Verwandlungsmusiken mit einer großen Harke (und am Schluss dann mit seinen bloßen Füßen) langsam große Muster zieht. Auch der Rest des Bühnenbildes sowie die Kostüme sind ostasiatisch inspiriert. Dass natürlich diese Bildidee Monate vor dem Erdbeben und seinen Folgen konzipiert wurde, spielt keine Rolle: es lag wohl in der Luft.

Ein ähnliches Theatererlebnis hatte ich im September 2001 bei einer Aufführung der “Hermannsschlacht” in Hannover, wenige Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center. Hier drängte sich die Analogie des Kampfs der terroristischen Germanen gegen die imperialen römischen Besatzer schlagend auf, die Spannung war elektrisierend wie selten im Schauspiel. Das Programmheft war um ein kleingedrucktes Supplement ergänzt: “Patterns of Global Terrorism, 2000”, herausgegeben vom United States Department of State.

In Prag glüht der Hintergrund des Gralstempels, Titurels Leiche verschwindet in einer dampfenden Versenkung. Amfortas’ Siechtum bekommt neues Gewicht. Diese Fähigkeit des Theaters zum unmittelbaren Kommentar ist eine einzigartige Qualität und verleiht ihm eine Würde, die es vor allen anderen Kunstformen auszeichnet.

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