Nachtwächter

Ich bin schon einmal bei einer Aufführung von Mahlers 5. Symphonie eingeschlafen und normalerweise ertrage ich diese Musik spätestens nach dem zweiten Satz kaum mehr. Zu nervös, zu exaltiert, zu kurzatmig und zu kunsthandwerklich erscheint mir das alles. Nichtsdestotrotz war Daniele Gattis Interpretation mit dem Orchestre National de France im Rahmen des diesjährigen Dvořák Festivals ein naturgewaltiges und dennoch haarscharf gespieltes Ereignis, das einem ein Baden im Sound ermöglichte. Viel beeindruckender als dieses fulminante Klanggewitter war jedoch die Einrahmung durch das Siegfried-Idyll und das Vorspiel zum 3. Akt der “Meistersinger” (als Zugabe). Was Gatti dort an meditativer Schönheit mit langem Atem herausmodellierte, ergab einen lyrischen Wagner, dessen Melos im “Idyll” schon das Adagietto in Mahlers Symphonie vorwegnahm. Man atmete Stereo.

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