Eine Reise mit Hindernissen lässt einen zumeist reicher ankommen. Wie so oft ist die Zugreise bei mir verknüpft mit leisem erotischen Verkehr und allgemeinen betriebstechnischen Hindernissen. Als ich auf der Hinreise nach Bologna der kühlen Schönen gegenübersaß, die sich in ihrem schwarzen Kleid mit dem weißgepunkteten Kragen irgendwann hinter ihrer großen Sonnenbrille hervorwagte, bewunderte ich die meiste Zeit den Akzent ihres leicht herben Gesichts mit dem lieblichen Unterbiss sowie das einzig schmückende Detail, zwei Armreife, in denen sich das schwarz-weiße Punktmuster ihres Kleides wiederholte. Wäre der Zubringer nach Bozen nicht ausgefallen, den ich ursprünglich hatte nehmen wollen, ich wäre in einem anderen Anschlusszug gefahren. Wie verließen den Zug grußlos zusammen in Bologna und verloren uns in dem großen Bahnhof. Naürlich sah ich sie aber noch einmal wieder, nämlich auf dem Bahnsteig gegenüber so wie ich auf den nächsten Zug wartend. Bloß, dass sie jetzt konsequent zur Seite starrte.
Dann, als ich wieder auf der Rückreise nach Bologna bin, sitzen mir zunächst zwei liebliche junge Mädchen gegenüber, hell und dunkel, mit stummen Blicken, gemeinsamen Musikhören am Ipod und Pärchenfotos mit dem Handy. Später, im hitzebedingt bald kollabierenden Zug nach München ein reizendes italienisches Paar in den besten Jahren oder kurz davor auf dem Weg nach Schweden. Wir finden im ausbrechenden Chaos zusammen. Im anschließenden Ersatzbus zum Brenner unterhalte ich mich aber mit einer älteren Salzburgerin in Begleitung ihrer etwa fünfzehnjährigen Tochter.
Den Höhpunkt bildete aber zweifellos das Warten auf den Nachtzug nach Norddeutschland auf dem Münchener Hauptbahnhof. Ein aus verschiedenen Staatsbahnen bunt zusammengewürfelter Zug fährt ein und einem Waggon aus Belgrad entsteigt eine Familie mit älterer Tochter und jüngerem Sohn. Viel Gepäck, das meiste in großen Plastiktschen, Mutter und Tochter bewegen sich züchtig in langen Kleidern und Kopftüchern. Der Vater möchte nach dem Aussteigen irgendetwas erledigen, es gibt eine längere Debatte, bei der sich die Tochter schließlich durchsetzt, dass sie und nicht der Bruder beim Gepäck allein zurückbleibt. In stillem Triumph setzt sie sich neben mich auf die Bank, jedoch nicht ohne den sicheren Abstand von einem Sitzplatz einzuhalten. Unter dem aufwendig schmückenden Kopftuch wandern die Blicke des Mädchens aber schon bald tastend herüber. Ich erwidere den Blick einmal, bestimmt nicht weniger unsicher als sie. Der Ausdruck ihrer leicht schräg gestellten Augen ist von einer unbeschreiblichen Zartheit und zugleich klaren Bestimmtheit im Ausdruck, wie er bei einer mitteleuropäischen Vierzehn- bis Fünfzehnjähriegen kaum mehr vorstellbar scheint.
Allzubald kehrt die Familie zurück, man rüstet sich zum Aufbruch, gegenseitiges kurzes Gespräch, wobei mich das dunkle Augenpaar nicht erreicht. Erst im Weggehen ein letzter Blick, kurz, lächelnd, tief und überlegen an Vater und Mutter vorbei und über den Bruder hinweg.
Ausklang mitten in der Nacht. Um drei Uhr in der Frühe hält der Nachtzug unerwartet in Würzburg, zwei aufgelöste und angetrunkene Linzerinnen auf dem Weg nach Hamburg wollen zusteigen, der Schaffner verwehrt es ihnen unglaublicherweise, ich öffne ihnen jedoch kurz vor der Anfahrt des Zuges erneut die Tür. Der einen von ihnen, üppig mit Stuppsnase, biete ich meinen Platz an, auf dem ich sowieso nicht schlafen kann. Die andere, weniger robust und zweitweise den Tränen nahe, kauert sich auf dem Gang vor dem Klo zusammen. Mit dem Bedürfnis, ein bisschen zu schlafen, ein bisschen zu reden, verbringen wir die Nacht gemeinsam auf dem schmutzigen Fußboden des Waggons. Die Situation ist seltsam keusch und unkeusch zugleich. Man könnte sich auch aneinanderlegen, es wäre dann bequemer. Die beiden sind Partygemüse, aber die Nacht ist auch so, nach der langen Reise, wie nach einer langen, exzessiven Feier, beim Warten auf die erste S-Bahn nach Hause.
Vorspiel und Nachspiel: Gespräch mit einer Italienerin in Bruneck beim Warten auf einen Bus, der niemlas kam, weil wegen eines Fahrradrennens alle Straßen gesperrt waren. Endlich, zurück aus Italien, am ersten Abend ein Spaziergang durch die Felder, dabei einer Mutter und ihrer Tochter mit ihrem Hund begegnend. Ich treffe die beiden zweimal, auf meinem Hin- und Rückweg. Auch der Blick mit der erwachsenen Tochter erfolgt zweimal. Ich gehe barfuß, die Sandalen in der Hand.


