Pussytiv denken oder ihr seid langweilig

Die Hochschulgruppe der Linken Hannover hatte zu einem kritischen Gespräch über Frauenbilder in der Pop- und Subkultur geladen. Als Diskutanten präsentierten sich Doris Achelwilm, Edyta Kopitzki und Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray. Letztere war unbestritten der Star des Abends und zog entsprechend die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Achelwilm wirkte dagegen etwas blass, war aber für die sachlichsten und vernünftigsten Statements verantwortlich, stets um Ausgleich bemüht, aber deutlich gegen konservative Strömungen des Feminismus eingestellt, was deutlich wurde, als die Rede auch auf Alice Schwarzer kam. Kopitzki wiederum entsprach wohl dem, was sich die meisten der anwesenden Gäste innerhalb eines linksalternativen Milieus als eine feministische Künstlerin/Musikerin/Projektarbeiterin wünschten. Es herrscht hier selbstverständlich Konsens, wenn man Dinge sagt, wie: Lasst euch nicht instrumentalisieren, wehrt euch, lasst euch nicht unterkriegen, seid stark usw. Das ist zweifellos alles gut und richtig aber in diesem Umfeld eben auch ein Predigen gegenüber der eigenen Kirche. Jedoch sind die Tabus, die von den Anwesenden um diesen scheinbar reinen, linken Feminismus aufgebaut wurden, erschreckend unreflektiert.

So führte es an dem Abend zur größten Kontroverse, als Şahin ihre These „dein Körper ist dein Kapital“ zu verteidigen hatte. Es könne doch nicht angehen, dass sich Frauen nur über ihre Äußerlichkeit definieren sollten, wo das allgemeine Frauenbild doch ohnehin genau darauf abziele. Şahin konnte da noch so oft betonen, dass sie mit gängigen Schönheitsidealen rein gar nichts an Hut habe und positives und aggressives Körperbewusstsein lediglich ein Teil ihres Programms sei, wenn auch der offensichtlich augenfälligste (gerade dadurch aber verführerischste, trickreichste und vor allem wirkmächtigste). Der besondere Witz in dieser speziellen Runde war dann, dass die harschste Kritik von Frauen vorgetragen wurde, die ihre propere Gesinnung auch dadurch markieren, dass sie sich im Gegensatz zum Stil von Lady Bitch Ray betont ‘unweiblich’ anziehen (Şahin ist bekanntlich auch Kleidungssemiotikerin, doch wurde in diese Richtung leider nicht einmal ansatzweise gedacht).

Überhaupt, wehe, der Wind weht einmal aus einer anderen Richtung. Ich kann zwar mit der aggressiven Art der Rap-Szene überhaupt nichts anfangen (Şahin: „Natürlich habe ich Feinde, die ich hasse…“), aber im Gegensatz zu einem Denken, das immer noch allergisch auf die Nennung bestimmter Worte in einem bestimmten Kontext reagiert, wirkt Şahin wie der einzige Mensch unter Automaten und ihren Tabu-Mechanismen. Interessant war auch zu beobachten, dass offensichtlich kaum einer der vielen sich über die Art ihres Auftretens ereifernden Frauen und Männer zu begreifen schien, dass sich da eine Künstlerin in ihrer spezifischen Kunst (zu der man stehen kann, wie man will) äußert; – nicht aber eine Sozialarbeiterin. Provokation ist nun einmal Teil dieses sehr speziellen Business, das Şahin betreibt. Die einzige, die das während der Debatte einmal andeutungsweise aussprach, war Doris Achelwilm, es wurde nicht wirklich zur Kenntnis genommen.

Stattdessen ereiferte man sich über den Umstand, dass die Rapperin im Mittelpunkt des Abends stand. Man sei doch wegen einer offenen Diskussion hergekommen und habe nicht das hier erwartet, diese Selbstdarstellung (einer Künstlerin!) sei langweilig und außerdem komme man ja auch gar nicht zu Wort, weil Şahin so einschüchternd sei und man erstmal Mut fassen müsse, um sich überhaupt zu äußern (ob nicht das Teil der Strategie von Lady Bitch Ray ist, sei dahingestellt). Im übrigen war der Eintritt zu dieser Veranstaltung kostenlos, man konnte sich prächtig unterhalten, wurde ein bisschen gekitzelt, konnte sich ein bisschen ärgern und wurde zum Denken angeregt. Was wollen die guten Menschen denn noch mehr? Oder bricht man hier wirklich noch Tabus, wenn man ‘Schwanz’ und ‘Nutte’ sagt und das nicht gleich political correct ausdifferenziert?

Es gab aber auch genügend Leute, bei denen die Message anzukommen scheint. Hinterher erzählte mir einer der Mitveranstalter, dass vor Beginn der Diskussion zwei etwa fünfzigjährige Fans unbedingt ein Autogramm von Lady Bitch Ray erhaschen wollten. Auch während der Diskussion erhob sich ausgerechnet eine ältere Dame zur Fürsprecherin der Künstlerin. Diese selbst gestand am Abend, dass die Männer sie immer sofort verstehen würden, während Frauen im allgemeinen ihre Schwierigkeiten hätten. Auch das wieder ein Teil der Şahinschen Provokationstechnik, die nie nur plump und falsch vereinfachend ist. Unter den Leuten, die am Ende für Autogramme anstehen, finden sich nicht wenige türkische Jungs und Mädels, für die der Auftritt der „Kanakenbraut“ (Lady Bitch Ray) vermutlich auch noch eine etwas spezifischere Bedeutung im Sinne von Emanzipation hat.

In gewisser Weise verkörpert die Figur Lady Bitch Ray eine höchst gegenwärtige Version der Marquise de Merteuil oder der Ducchezza de Sanseverina: die rücksichtslose weibliche Verführungskraft, die erst gepaart mit einer höchst gebildeten Intelligenz durchschlägt.

Während des Abends sagte irgendwann ein langer, dünner Student, jung mit Strümpfen in Wandersandalen (Kleidersemiotik, wie gesagt, aber das ist wirklich auch alles zu simpel…), er finde gut, was Şahin für die Frauen einfordere, die Emanzipation des eigenen Körpers als bewusst eingesetztes Werkzeug, Waffe, Kapital. Aber er finde es „scheiße“, dass sie gleichzeitig von Männern einfordere, es müssten alles tolle Stecher sein. Şahins Antwort war dann sinngemäß: Ja, das dir das nicht gefällt, das kann ich verstehen.

Mit anderen Worten, es kann nicht jeder ein Graf Mosca sein; aber ein paar mehr Neorenaissance-Menschen täten ab und an ganz gut, und in all ihrer intellektuell abgsicherten, hinterlistigen Körperlust ist Lady Bitch Ray ein solcher Neorenaissance-Mensch.

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Eine Antwort auf Pussytiv denken oder ihr seid langweilig

  1. serner sagt:

    “In gewisser Weise verkörpert die Figur Lady Bitch Ray eine höchst gegenwärtige Version der Marquise de Merteuil”

    :-) Hm – der Vergleich hat eine interessante Dimension, wenngleich die Merteuil viel staerker im Procedere des Raenkeschmiedens und des Höfischen Parlierens integriert war. Von einer Aussenseiterposition kann man da eigentlich nicht sprechen.