Er sah in den stumpfen Spiegel, wie immer dienstags und donnerstags, vor dem Colloquium. Triefig die Augen und rotfleckig das verquollene Gesicht, unausgeschlafen. Denkend an damals, wie schön war es, zu dritt durch die Gassen und zwischen den Hügeln spazierend, den Raum FÜR SICH einnehmend, die Zeit FÜR SICH nutzend, jede Sekunde, „brach nicht mit uns die Revolution an, das nächste Jahrhundert?“ (JAJA) Säuerlich aufstoßend und somit den gestern genossenen Wein wieder schmeckend, ekelig vergoren, man müsste mal wieder raus aus der Stadt und die Akademie hinter sich lassen und warum nicht nach langer Zeit zurück an den Neckar? Heute würde er wieder, ohne es zu merken, so stark schwäbeln, dass die jungen Männer im Hörsaal entnervt aufseufzten, den Griffel ablegten und die Fliegen zählten, während die dummen Herren vom Offizierskorps, ohnehin ennuiert, wieder über den Ausländer witzelten.
Sich selbst zu erklären in der Eigenzeit, die Uhr läuft ab jetzt und schon längst. Wo bleibt mir die Zeit, um Zeit für mich selbst zu finden? Zeit, um die eigene Zeit zu erfassen, was noch übrig geblieben, von der notwendigen Zeit, die man braucht, um sich seiner selbst bewusst zu werden, rechtzeitig. Ein Weg, auf dem man immer unterwegs ist, so dass ich sagen müsste, wenn mir etwas bewusst wäre, und nicht erst würde, dass ich gar nicht in der Lage sei, mir dies bewusst machen zu können. Denn dann wäre es ja vorbei, nicht?! Das Hier und Jetzt, das wirklich bleibt, ist das nicht eine treffende Umschreibung für den Tod? Dann also lieber in der Ewigkeit der eigenen Endlichkeit unterwegs sein, auf einem Gang, ich werde ihn bewusst nicht einen ‚Prozess‘ nennen, hier, allein vor dem Spiegel, ein Gang, der niemals geradewegs zum Ziel führt, unzählige Stationen passierend (was aber passiert MIR hier?). Es hat trotz allem und gerade deswegen nicht den Anschein, als gäbe es irgendetwas zu verlieren. Mit anderen Worten: Ist das Gewesene jemals gewesen? Man verwickelt sich hier unmittelbar in scheinbar unvermittelbare Schwierigkeiten (das darf aber nicht sein!), da man nicht wird fragen können, wann die Zeit gewesen sei, sondern wo sie aufgehoben bleibt. Was mindestens voraussetzt oder nach sich zieht, dass die Zeit irgendwo sei und zwar außerhalb der Zeit. Die Zeit hat keine Zeit, aber einen Ort? Aber, wenn die Zeit irgendwo bleibt, wie hat sie dann jemals vergehen können?
Wieder und immer wieder zurückkehrend zur Eigenzeit, ohne zu wissen, wo und wann diese statthat, werde ich feststellen müssen, dass deren Diachronie unvermeidlich und unaufhebbar sei. Ich kann beispielsweise gar nicht so schnell schauen, wie mein eigener (?) Körper altert, das geht wahrhaftig schneller als man denkt. Und schließlich, was ist schon mein Eigentum, an diese Frage rührt man auch, wenn man nach dem Verbleib der Zeit fragt. Wenn man sich dann über Verluste wundert, sollte man bedenken, dass sich die Summe, die im Umlauf ist, nie ändert, was vielleicht die einzige sinnvolle Analogie wäre, die sich zwischen der doppelten Buchführung und dem Verlust oder Gewinn von Zeit bilden ließe – und mir brummt der Schädel.
Dass ich auf meine Denkzeit zurückgeworfen werde, wenn ich über die Zeit und deren Verbleib nachdenke, ist ein Problem, dessen Lösbarkeit nicht abzusehen ist. Es braucht immer die Zeit, die ich haben muss, um zu mir selbst zu kommen und währenddessen passiert viel, alles oder nichts…