ZwischenZeiten 2

Er sah in den stumpfen Spiegel, wie immer dienstags und donnerstags, vor dem Colloquium. Triefig die Augen und rotfleckig das verquollene Gesicht, unausgeschlafen. Denkend an damals, wie schön war es, zu dritt durch die Gassen und zwischen den Hügeln spazierend, den Raum FÜR SICH einnehmend, die Zeit FÜR SICH nutzend, jede Sekunde, „brach nicht mit uns die Revolution an, das nächste Jahrhundert?“ (JAJA) Säuerlich aufstoßend und somit den gestern genossenen Wein wieder schmeckend, ekelig vergoren, man müsste mal wieder raus aus der Stadt und die Akademie hinter sich lassen und warum nicht nach langer Zeit zurück an den Neckar? Heute würde er wieder, ohne es zu merken, so stark schwäbeln, dass die jungen Männer im Hörsaal entnervt aufseufzten, den Griffel ablegten und die Fliegen zählten, während die dummen Herren vom Offizierskorps, ohnehin ennuiert, wieder über den Ausländer witzelten.

Sich selbst zu erklären in der Eigenzeit, die Uhr läuft ab jetzt und schon längst. Wo bleibt mir die Zeit, um Zeit für mich selbst zu finden? Zeit, um die eigene Zeit zu erfassen, was noch übrig geblieben, von der notwendigen Zeit, die man braucht, um sich seiner selbst bewusst zu werden, rechtzeitig. Ein Weg, auf dem man immer unterwegs ist, so dass ich sagen müsste, wenn mir etwas bewusst wäre, und nicht erst würde, dass ich gar nicht in der Lage sei, mir dies bewusst machen zu können. Denn dann wäre es ja vorbei, nicht?! Das Hier und Jetzt, das wirklich bleibt, ist das nicht eine treffende Umschreibung für den Tod? Dann also lieber in der Ewigkeit der eigenen Endlichkeit unterwegs sein, auf einem Gang, ich werde ihn bewusst nicht einen ‚Prozess‘ nennen, hier, allein vor dem Spiegel, ein Gang, der niemals geradewegs zum Ziel führt, unzählige Stationen passierend (was aber passiert MIR hier?). Es hat trotz allem und gerade deswegen nicht den Anschein, als gäbe es irgendetwas zu verlieren. Mit anderen Worten: Ist das Gewesene jemals gewesen? Man verwickelt sich hier unmittelbar in scheinbar unvermittelbare Schwierigkeiten (das darf aber nicht sein!), da man nicht wird fragen können, wann die Zeit gewesen sei, sondern wo sie aufgehoben bleibt. Was mindestens voraussetzt oder nach sich zieht, dass die Zeit irgendwo sei und zwar außerhalb der Zeit. Die Zeit hat keine Zeit, aber einen Ort? Aber, wenn die Zeit irgendwo bleibt, wie hat sie dann jemals vergehen können?

Wieder und immer wieder zurückkehrend zur Eigenzeit, ohne zu wissen, wo und wann diese statthat, werde ich feststellen müssen, dass deren Diachronie unvermeidlich und unaufhebbar sei. Ich kann beispielsweise gar nicht so schnell schauen, wie mein eigener (?) Körper altert, das geht wahrhaftig schneller als man denkt. Und schließlich, was ist schon mein Eigentum, an diese Frage rührt man auch, wenn man nach dem Verbleib der Zeit fragt. Wenn man sich dann über Verluste wundert, sollte man bedenken, dass sich die Summe, die im Umlauf ist, nie ändert, was vielleicht die einzige sinnvolle Analogie wäre, die sich zwischen der doppelten Buchführung und dem Verlust oder Gewinn von Zeit bilden ließe – und mir brummt der Schädel.

Dass ich auf meine Denkzeit zurückgeworfen werde, wenn ich über die Zeit und deren Verbleib nachdenke, ist ein Problem, dessen Lösbarkeit nicht abzusehen ist. Es braucht immer die Zeit, die ich haben muss, um zu mir selbst zu kommen und währenddessen passiert viel, alles oder nichts…

Veröffentlicht unter Rotes Buch, Schrieb, Unglückliches Bewusstsein | Hinterlasse einen Kommentar

ZwischenZeiten 1

Natürlich, auch ich ging durchs Gebirg (der Zeit), um die Zeit zu vergessen und hinter mir zu lassen. Welche eine Utopie, dieser Nirgendort in meinem Rücken oder vielmehr häufte er sich klammheimlich auf ihm an, jetzt und für alle Zeit trage ich sie, „wie einen Buckel“, die furchterregende, allesfressende, nichtende Zeit. Geh weg, komm wieder! Zeit, Zeit, frisst sich das in mein Hirn, ein -umor (namenlos) und platzt sich – aber frech, oder? – an Stelle meines Gedankenapparates. Nun gut, könnte man meinen, nun gut, eine Maschine ersetzt durch eine andere. Ja, wenn es so einfach wäre. Aber wäre dies alles bloß ein Problem der Mechanik, ich könnte mich ja auch selbstvergessen ins nasse Gras fallen lassen, wo im Schatten der Steine („des geweiheten Gebirges“), Findlinge auch sie, immer noch und wahrscheinlich seit Ewigkeiten (von und zu) der Schnee liegt, wie aus Liebe zur Weißheit, auch wenn er schmutziggrau und eine Plastikflasche, das Etikett unlesbar verblichen, fahlblau in ihm stakt. Angesichts der Wassertröpfchen, die sich in ihrem leeren Bauch unter der Sonne gebildet haben, kann man auch ruhig sagen, dass die Flasche im Schnee bereits vollständig aufgehoben, elementarisch im Klammergriff, wobei Zeit keine Rolle spielt.

Was ein schiefes Bild, ein verkehrter Anfang und zudem noch raubkopiert.

Denn ich ging ja gar nicht durchs Gebirg und ich traf auch niemanden, mit dem ich hätte reden können, kein Gespräch wird hier stattgefunden haben, was wiederum auch nicht heißt, dass ich alleine (gewesen) bin. Es liegen aber überall und ständig Steine im Weg, über die man stolpern kann. Zeitkiesel, ich könnte einige davon auflesen und in meine Tasche stopfen, im Schlendern könnte ich das, ohne stehenzubleiben, gerade so, wie die Kiesel am Wegesrand zu liegen kommen, und dann noch im Gehen die Steine weitersortieren, in meinen Taschen, um das Gleichgewicht zu halten, damit sich nicht „unversehn, und keiner weiß es, wenn?“ eine ungewollte temporäre Akkumulierung bildete, die mich runterzöge.

Denn ich kann ja leider nicht auf dem Kopf gehen, stattdessen schleppt sich mein Nachdenken immer hinter mir her, auf der Flucht und angezogen von der gleichen Zeit, immer zur Unzeit, seit Urzeiten, seit ich mich erinnern kann, also auf der Suche nach… mit nach außen gekehrten Taschen, alles rausgekieselt, Löcher überall, wo die wohl herkommen? Das Nach(t)denken, das ist das fast Unmögliche, nicht wahr, weil man da doch immer hinterher bleibt, hinter der Erinnerung, und jetzt kann man sich eine erste Frage stellen. Sind deine Finger nicht viel schneller beispielsweise, im Galopp auf der Jagd nach dem Gewesenen im Buchstaffellauf (press to), schneller als dein Kopf mit der unsichtbaren Maschine, von der du nicht wirklich weißt, was alles drinnen und ob sie dich nicht vielleicht an der Nase herumführt, gezogen-geschoben, du selbst ABGESCHRIEBEN, außer der Zeit? – bilde dir das nicht ein: du bist mittendrin. Wo bleibt dann die Zeit, verschroben oder – VERSCHOBEN? – Immer da, wo wir nicht sind, also überall. Und JA, hilft dir das vielleicht durch die Nacht, in deinem Wechsel von Ja(hr) zu Ja(hr)? Auch das Jasagen muss man jedes Jahr neu erlernen, denn allzu leicht vergisst man dies. Gib mir noch etwas Zeit, um mich zu erklären. In der Zwischenzeit aber

Veröffentlicht unter Schrieb, Spuren, Unglückliches Bewusstsein | Hinterlasse einen Kommentar

Novum Ierusalem

Es begann damals das Zeitalter, in dem die Menschen mehr Angst vor dem Unglauben hatten, als vor dem Aberglauben.

Veröffentlicht unter Rotes Buch | Hinterlasse einen Kommentar

Betriebsablauf

“Bei der Fahrkartenkontrolle sagen: Bimmel, Bammel, auf Grund einer persönlichen Betriebsstörung verzögert sich das vorzeigen der Fahrkarte um wenige Minuten. Kommt Freitagabends im Flüchtlingstreck super.”

Veröffentlicht unter Reise reise | Hinterlasse einen Kommentar

Während er denkt, wartet sie

und sitzt dann am nächsten Tag ebenso wortlos, aber allein in der Straßenbahn.

Veröffentlicht unter Rotes Buch | Hinterlasse einen Kommentar

Vor dem Donner

Auffällig ist die optimistische Grundhaltung in der Anthroposophie. Daher die latente Verlockung einer ‘Feel-Good’-Religion.

Veröffentlicht unter Der Stein, er spricht | Hinterlasse einen Kommentar

Weltseele

Steiner ist vermutlich der letzte Repräsentant eines positiven spekulativen Denkens. D. h. zweierlei:

Zum einen sind wir heute nicht mehr in der Lage, eine solche Denkbewegung wirklich nachzuvollziehen (wie das meiner Meinung nach auch bei Hegel und Schelling nicht mehr möglich ist). Zwar kann man in gewisser Weise die Ergebnisse dieses Denkens verstehen und auch zur Anwendung bringen, nicht jedoch den spezifischen Weg, auf dem diese Ergebnisse erreicht wurden: nämlich rein durch sich auf sich selbst beziehendes Denken. Daher erscheint diese Denken heute als dunkel.

Zum anderen wäre Steiner, hätte er hundert Jahre früher gelebt, wahrscheinlich nicht weiter aufgefallen. Im Unterschied zu einem Hegel jedoch denkt Steiner nicht rein in Begriffen, sondern in Bildern, die er dann auf teils skurrile Weise benennt, wobei er sich auf ebenso skurrile Weise aus der Tradition bedient. Ein Schelling steht zwischen diesen beiden Extremen (Bild und Begriff).

Veröffentlicht unter Der Stein, er spricht | Hinterlasse einen Kommentar

Die Ufos sind da

Je mehr ich von Steiner lese, desto unbegreiflicher wird es mir vorläufig, dass von ihm so viele positive Impulse ausgehen konnten und Dinge, die er maßgeblich angestoßen hat, de facto funktionieren.

Und dann ist auch noch Sloterdijk mit im Gepäck.

Veröffentlicht unter Basis, Der Stein, er spricht | Hinterlasse einen Kommentar

Rosenrot

“Ich blute”, sagte das Mädchen vor dem Schwimmbad zu dem Besucher, der gerade mit dem Rad ankam. “Was soll ich denn jetzt machen? Hast du ein Taschentuch?” Ihre Freundin kicherte.

“Ich habe kein Taschentuch”, sagte der Radfahrer, ohne seine Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen. “Du wirst dir jemand anderen suchen müssen.” Seelenruhig sperrte er sein Rad ab.

Nun sah ich, dass das Mädchen wirklich stark am linken Arm blutete. Ich rief ihr zu, dass sie herkommen solle, und entfaltete sofort mein Stofftaschentuch, um eine Binde zu formen. “Keine Angst, es ist sauber. Was hast du denn gemacht?”, fragte ich sie, die ungläubig auf das für sie ungewohnt große Taschentuch starrte. Wahrscheinlich kannte sie nur Tempos.

“Mich geritzt”, sagte sie lapidar, und für einen Moment zögerte ich: “Und dafür soll ich mein Taschentuch besudeln?”, entfuhr es mir zornig, während ich gleichzeitig Anstalten machte, die Binde auf die Wunde zu legen.

“Nur Kunstblut! Ist doch nicht echt.”, rief sie plötzlich. “Sieht es echt aus?”

“Das Taschentuch sieht aus wie so ein Bettlaken”, ergänzte die andere.

Veröffentlicht unter Rotes Buch, Spuren | Hinterlasse einen Kommentar

Phänomenologie des Geistes

Manch einer ist auf der Suche nach einem Beruf, um sich selbst zu verwirklichen, und zieht entsprechend unbefriedigt von hier nach dort. Ein anderer wartet vielleicht Jahrzehnte, um einen Beruf zu finden, der sein Selbst endlich zu reflektieren vermag. In den wenigsten Fällen wird er nicht irgendwann Erfolg haben.

Veröffentlicht unter Der Stein, er spricht, Spuren, Unglückliches Bewusstsein | Hinterlasse einen Kommentar